Jede Frau hat und erlebt ihre Periode unterschiedlich. Für diejenigen, die an manchen Tagen durch ‚ihre Tage‘ stark beeinträchtigt werden, bieten einzelne Unternehmen sog. Menstruationsurlaub an. Das klingt empathisch, stößt aber (auch unter Frauen) nicht überall auf Zustimmung und – zumindest hierzulande – auch auf rechtliche Hürden.

Das Thema Menstruationsurlaub ist ein heikles. Nicht nur, weil der Umgang mit der weiblichen Periode und ihren Auswirkungen gesellschaftlich und v.a. am Arbeitsplatz oftmals noch immer recht verhuscht ist. Sondern auch, weil mit der Einführung von Menstruationsurlaub nur eine bestimmte Gruppe der Belegschaft mehr freie Tage hätte. Eine Gruppe, die sonst oftmals benachteiligt ist.

In Italien hat es im Jahr 2017 eine Gesetzesvorlage für einen landesweiten Menstruationsurlaub gegeben, die allerdings abgelehnt wurde. In Taiwan und Südkorea dahingegen ist der bezahlte „Menstrual Leave“ etabliert. Dort können Frauen pro Jahr drei Tage wegen Regelbeschwerden von der Arbeit fernbleiben.

‚Tage‘ können Wohlbefinden und Produktivität senken

Grund: Die Periode kann teilweise nicht nur mit Stimmungsschwankungen und einer geschwächten Konzentration einhergehen, sondern auch mit starken Schmerzen. John Guillebaud, mittlerweile emeritierter Reproduktionswissenschaftler am University College in London, stellte in einer Studie aus dem Jahr 2016 klar: „Periodenschmerzen können für den Körper so schlimm wie ein Herzinfarkt sein.“ In diesem Zustand zu arbeiten, ist folglich nicht immer leicht – oder gar produktiv. So gaben bei einer Befragung der Forscher des niederländischen Beratungsunternehmens Kearney in Kooperation mit der gemeinnützigen Organisation Wash United 32 Prozent der deutschen Studienteilnehmerinnen an, dass ihre Produktivität durch ihre Tage stark eingeschränkt ist. Weitere 37 Prozent teilten mit, sie würden sich während ihrer Menstruation unwohl in sozialen Situationen fühlen.

Dieses Unwohlsein will Christian Faust seinen Mitarbeiterinnen beim luxemburgischen Fachübersetzer „Faust Translations“ ersparen. „Wir haben uns dafür entschieden einen Menstruationsurlaub anzubieten, da wir der Ansicht sind, dass niemandem durch einen völlig normalen biologischen Vorgang ein Nachteil entstehen soll“, sagt Faust. Man müsse Frauen nicht dazu zwingen, sich mit Regelschmerzen durch den Arbeitstag zu quälen. „Betroffene Frauen sollen sich deshalb nach eigenem Ermessen eine Ruhezeit gewähren.“.

Auch der Geschäftsführer des indischen Essenslieferanten „Zomato“, Deepinder Goyal, ist dieser Meinung. „Es ist unsere Aufgabe für biologische Bedürfnisse Raum zu machen. Wir wollen eine Kultur des Vertrauens und der Akzeptanz schaffen“, lässt sich Goyal in einer Pressemitteilung zitieren. Deshalb können die Zomato-Mitarbeiterinnen jährlich bis zu zehn Tage Menstruationsurlaub nehmen.

Periodenfrei als AGG-Verstoß?

In Deutschland sind derzeit nur wenige Unternehmen bekannt, die diese Art von Sonderurlaub gewährleisten. Das könnte auch daran liegen, dass dessen Einführung nicht ganz so einfach ist, wie vielleicht gedacht. Zwar können Arbeitgeber entsprechende betriebsinterne Angebote beschließen, doch dabei allen Belangen Rechnung zu tragen, könnte schwer werden. „Es besteht die Gefahr, dass sich männliche Arbeitnehmer benachteiligt sehen und einen Verstoß gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz geltend machen“, sagt Nicole Mutschke, Fachanwältin für Arbeitsrecht bei der Kanzlei Mutschke. Doch das ist nicht das einzig Bedenkliche an der Einführung eines Menstruationsurlaubs: „Es geht hier um sehr sensible personenbezogene Daten der Arbeitnehmerin“, so Mutschke weiter. „Ein Arbeitgeber darf und soll nicht alles über das gesundheitliche Befinden seines Arbeitnehmers wissen.“

Aus Empathie kann Stigma werden

Unter den Kritikern des Menstruationsurlaubs befinden sich derzeit aber vor allem auch Menschen, die sich dem weiblichen Geschlecht zuordnen. Der Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben, heißt es, erinnere stark an den Ausschluss von Frauen aus einigen indischen Dörfern während ihrer Periode, die durch das Bluten als „schmutzig“ und „unrein“ angesehen werden. „Ein Menstruationsurlaub könnte dazu führen, dass Frauen im Berufsleben als weniger leistungsfähig betrachtet werden“, sagt Feministin Nanna-Josephine Roloff. „Dadurch kann es zu Diskriminierungen im Bewerbungsprozess kommen.“ Roloff war eine derjenigen, die mit einer Petition die Senkung der Mehrwertsteuer auf Tampons begünstigt hat.

Im Periodenurlaub – der ihrer Meinung nach eigentlich kein Urlaub ist, denn die Frau habe schließlich Schmerzen und erhole sich nicht –  sieht Roloff allerdings auch eine Chance der Enttabuisierung der ‚Regel‘. Damit würde ein Dialog eröffnet werden, der bisher in der öffentlichen Arbeitswelt noch nicht geführt worden sei. Dabei sollte es aber vor allem darum gehen, was sich Menstruierende wünschen.

Dies scheint nicht immer der Menstruationsurlaub zu sein. „Bei uns wird er nur in sehr geringem Maße genutzt“, räumt Christian Faust, Geschäftsführer von Faust Tanslations, ein. „Dennoch glaube ich, dass die Mitarbeiterinnen das Vertrauen, das man ihnen entgegenbringt sehr schätzen.“ Auch die Befragungsergebnisse von Kearney und Wash United zeigen: Zwei Drittel der Befragten wünschen sich eher flexible Arbeitszeiten, an ihren jeweiligen Zustand angepasste Aufgaben, eine Entstigmatisierung der Periode sowie kostenlose Tampons und Binden auf den Toiletten als eine komplette Freistellung. In manchen Firmen gibt es auch betrieblich bereitgestellte Wärmflaschen und Körnerkissen. Feministin Roloff hat daher noch einen anderen Vorschlag: „Wie wäre es, gemütliche und ruhige Rückzugsorte im Büro zu schaffen?“

Hinweis der Redaktion: Eine Übersicht über wissenschaftliche Arbeiten, die das Thema Menstruationsurlaub aus soziologischer, gleichstellungs- und arbeitsmarktpolitischer Perspektive beleuchten, bietet ein Aufsatz von Sally King (King’s College London).

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