Arbeitgeber können von ihren Mitarbeitern bereits am ersten Krankheitstag ein ärztliches Attest verlangen. Begründen müssen sie diese Maßnahme nicht, wie das Bundesarbeitsgericht (BAG) am Mittwoch (14.11.2012) entschieden hat. Die Kommentatoren deutscher Zeitungen hoffen, das Urteil werde nicht allzu viel ändern.

Nicht vorschnell handeln

Im Rechtsmagazin Legal Tribune Online rät Christian Oberwetter Arbeitgebern, das Attest nicht vorschnell bereits am ersten Tag zu verlangen: “Das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer wird belastet, da sich die Weisung gegen einzelne Arbeitnehmer richtet und dem Arbeitnehmer unausgesprochen unterstellt wird, seine Fehlzeiten lägen nicht immer in Krankheit begründet. Vorschnelles Handeln aus einer einmaligen Verärgerung sollte man vermeiden. Wer sich allerdings nach kühlem Abwägen im Recht sieht, kann sich nun auf einen gesetzlich und höchstrichterlich anerkannten Anspruch stützen.

Urteil nicht als Freibrief missverstehen”

Auch Rainer Stephan warnt in den Lübecker Nachrichten davor, die Entscheidung als Freibrief misszuverstehen. Wer die übliche Praxis der Scheinübergabe am vierten Krankheitstag gleich gänzlich über Bord wirft, der “schießt sich womöglich selbst ins Knie. Denn ein Mitarbeiter, der sich bisher bei einer kurzen, aber heftigen Erkältungsattacke für ein oder zwei Tage ins Bett gelegt hat, um danach mehr oder minder munter wieder im Büro zu erscheinen, der müsste sich dann zunächst zum Arzt bemühen.” In der Regel würde dieser den Arbeitnehmer wohl mehr als einen Tag krankschreiben. Die Folge: Büro und Werkhalle könnten sich “deutlich schneller leeren, als dies ein eher überschaubares Simulantentum vermocht hätte.”

Arbeitgeber sollten klare Kriterien haben

Ein arbeitgeberfreundliches Urteil nennt in der Badischen Zeitung Christian Rath die Entscheidung der Erfurter Richter. Dennoch vermutet er, dass der Wunsch nach einem sofortigen Attest die Ausnahme bleiben wird: “Die Arbeitgeber wissen auch, dass es das Betriebsklima belastet, wenn sie zu kleinlich sind. Außerdem haben sie ja auch ein Interesse an einer schnellen Genesung von Mitarbeitern. Es hilft der Gesundung schließlich mehr, wenn der Beschäftigte bei einer Unpässlichkeit erst mal einen Tag im Bett bleibt, als wenn er sich im kalten Novemberregen gleich zum Arzt schleppen muss.” Gleichzeitig empfiehlt der Kommentator, dass Arbeitgeber klare Kriterien haben sollten, wenn sie sofort ein Attest verlangen – auch wenn sie diese nicht nennen müssen.

Fatal, wenn sich etwas an der bewährten Praxis ändert

In der Neuen Westfälischen hofft Matthias Bungeroth, dass sich trotz des Urteils in den Betrieben nichts ändern wird. Schließlich sei der “Krankenstand in deutschen Betrieben […] seit Jahren auf einem historischen Tiefstand. Lediglich drei bis vier Prozent der Belegschaften melden sich jedes Jahr krank. Ein Misstrauensverhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern auf diesem Gebiet lässt sich hieraus nicht ableiten. Insofern wäre es fatal, wenn sich an der gängigen, mehrheitlich geübten und bewährten Praxis etwas änderte. Andere Themen in der Arbeitswelt sind wichtiger.”

Arbeitgeber hätten den Schaden

Auch Stefan Schulte geht in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung nicht davon aus, “dass nun ab morgen viele böse Chefs ihre Untergebenen drangsalieren, auf dass diese sich krank zur Arbeit quälen […]. Wer das Attest vom ersten Tag an zur Regel macht, wird selbst den größten Schaden haben. Damit würde die große Mehrheit, die eine Krankheit nie feiern würde, zum gelben Schein gezwungen.

Urteil bald in Vergessenheit geraten?

Michael Minholz geht in der Neuen Ruhr Zeitung davon aus, der Alltag werde dafür sorgen, “dass der Erfurter Richterspruch schnell wieder in Vergessenheit gerät, dass Arbeitgeber und Arbeitsnehmer im Krankheitsfall weiterhin vernünftig miteinander umgehen. Das ist nicht zuletzt auch eine Frage des Vertrauens, der Unternehmenskultur. […] Was wäre das auch für ein bürokratischer Aufwand, angesichts schon jetzt überfüllter Arztpraxen und langer Wartezeiten? Das braucht niemand. So mancher Patient kommt ja genau deshalb nicht ins Büro, weil es ihm so schlecht geht, dass selbst der Weg zum Arzt einer unzumutbaren Quälerei gleichkäme. Zudem: Wenn ein Arzt krank schreibt, dann meist länger als nur einen Tag… ”

Recht auf Kontrolle

Andrea Seibel spricht sich in der Welt für das Recht der Arbeitgeber auf Krankschummelkontrolle aus. Schließlich zeigten sich die meisten Betriebe bei Kranschreibungen kulant: “Denn jedem Betrieb liegt ein gewichtiges Gut am Herzen: Vertrauen.” Aber: “Natürlich hat jeder Angestellte ein Recht auf Auszeit im Krankheitsfall. Jeder Arbeitgeber hat aber auch ein Recht auf Kontrolle, wenn es an Vertrauen mangelt.”

Die Presseschau wurde zusammengestellt von: Stephan Trinius.

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