Mitarbeiterunterstützung per Employee Assistance Program

16.12.2015

Sie sind hierzulande noch nicht allzu weit verbreitet und werden bislang eher von den ganz großen Unternehmen angeboten – die sog. Employee Assistance Programs (kurz: EAP). Oder auf Deutsch: Mitarbeiter-Unterstützungsprogramme. Doch was haben die Beschäftigten davon und was bewegt Firmen dazu, derlei anbieten? Sind EAP ein neuer Management-Hype, der dazu dient, Mitarbeiter mit besonders ausgefeilten Methoden zu noch mehr Leistung zu bringen? Oder handelt es sich um eine anglo-amerikanische Variante des klassischen Sozialunternehmertums? Wir gucken genauer hin und klären auf.

Was ist eigentlich EAP?

Eingeführt wird ein Employee Assistance Program in der Regel in Unternehmen, die ein umfassendes betriebliches Gesundheitsmanagement betreiben und bei denen auch die seelische Gesundheit der Mitarbeiter Beachtung findet.

Vom Grundsatz her meint EAP eine persönliche, oft telefonische Beratung der Mitarbeiter eines Unternehmens, wenn diese berufliche oder private Probleme haben. Eine Besonderheit besteht darin, dass die Beratung i.d.R. durch externe Fachleute sichergestellt wird und gegenüber dem Unternehmen absolute Vertraulichkeit herrscht.

Hinweis:

Einige Firmen bieten auch interne Beratungen, etwa durch geschulte Sozialarbeiter, an. Allerdings ist die Hemmschwelle, sich einem Kollegen im eigenen Unternehmen anzuvertrauen, oftmals sehr hoch. Denn meist bestehen Zweifel – seien sie berechtigt oder nicht –, ob die notwendige Vertraulichkeit auch tatsächlich gegeben ist oder der Arbeitgeber nicht doch irgendwie davon erfährt.

Deshalb bietet eine zunehmende Zahl von Firmen externe Beratungsmöglichkeiten für ihre Beschäftigten an. Der Umfang dieser Beratung ist ebenso wie die Professionalität je nach Konzeption recht unterschiedlich. Gleiches gilt für die Kosten, die allerdings immer vom Unternehmen getragen werden – für Mitarbeiter ist die Inanspruchnahme von EAP-Angeboten stets gratis.

Berufliche und private Probleme belasten die Arbeit / Photo (CCO): pexels.comWas kann man da fragen?

Die Beratung richtet sich natürlich nach dem jeweils mit dem Unternehmen geschlossenen Vertrag. Mindestbestandteile sind zumeist eine psychologische Beratung bei Problemen aller Art. Das können Schwierigkeiten bei der Arbeit sein, etwa Probleme mit Vorgesetztem oder Kollegen, Mobbing, Überforderung, Ängste bei Umorganisationen und vieles mehr.

Aber auch private Probleme sind ein EAP-Thema, etwa der plötzliche Tod eines Angehörigen, Scheidung, Probleme mit Kindern oder Partner, Spielschulden, Alkoholprobleme u.v.a..

Beispiel:

Die alleinstehende Mutter eines Mitarbeiters liegt im Krankenhaus und muss anschließend in einem Pflegeheim untergebracht werden, weil sie sich zu Hause nicht mehr allein versorgen kann. Die EAP-Berater helfen bei der Klärung der Situation (emotional) und vermitteln Kontakte zu einem entsprechenden Pflegeheim.

Dabei stehen erfahrene Fachleute – in der Regel Psychologen oder Sozialarbeiter – als Gesprächspartner zur Verfügung. Einige Anbieter haben auch Ärzte unter Vertrag, die bei mutmaßlich medizinischen Problemen oder psychosomatischen Erscheinungen weiterhelfen.

Was kann EAP leisten?

Abhängig vom Vertrag kann die Unterstützung sehr weitgehend sein. Die Beratungsunternehmen bieten allerdings bei psychischen Schwierigkeiten in aller Regel keine Therapie an, können eine solche aber – wenn gewünscht und erforderlich –  vermitteln.

Einige Anbieter stellen neben der telefonischen Beratung auch persönliche Beratungen von Angesicht zu Angesicht sicher. Hier ist die Anzahl der Termine allerdings zumeist limitiert. Sie dienen in der Regel dazu, festzustellen, ob beispielsweise eine Psychotherapie oder eine Entziehungsmaßnahme bei Substanzmissbrauch notwendig und sinnvoll ist.

In privaten Bereichen kann die Unterstützung noch weiter gehen, etwa durch Vermittlung eines schnellen Termins bei einer Schuldenberatung oder der Suche nach einer Pflegestelle für ein Elternteil. Ziel ist dabei immer die Hilfe zur Selbsthilfe, was z.B. auch durch eine schnelle Beschaffung von fachlicher Unterstützung geschehen kann.

Entscheidend für die Inanspruchnahme von EAP ist dabei v.a. die regelmäßige und intensive Bewerbung des Angebotes, weil es sonst schnell wieder in Vergessenheit gerät. Und natürlich müssen Anonymität und Vertraulichkeit absolut und ohne Ausnahme sichergestellt werden.

Was hat das Unternehmen davon?

Mitarbeiter mit Problemen, seien sie privater oder beruflicher Natur, sind oft angeschlagen und nicht wirklich bei der Sache. Das führt u.a. zu Produktivitätseinbußen durch Konzentrationsschwächen, Ablenkung bzw. Fehlerhäufung und  ggf. zu Unfällen und Fehlzeiten. Wer in Gedanken bei einem plötzlich pflegebedürftigen Elternteil ist und sich Sorgen um die notwendige Unterbringung in einem Pflegeheim macht, ist in hohem Maße unproduktiv. Je schneller die private Situation bereinigt werden kann, umso eher steht er dem Unternehmen wieder mit der vollen Arbeitskraft zur Verfügung.

Auch Probleme oder Konflikte im Unternehmen können so schneller bereinigt werden, bevor sie zu ernsthaften Krisen führen. So können Mitarbeiter Hinweise erhalten, wie sie sich gegenüber ihrem Vorgesetzten in Konfliktfällen verhalten können, wie sie auf Angriffe oder Mobbingversuche der Kollegen reagieren sollten und vieles mehr. Damit lassen sich Probleme oft schon im Frühstadium entschärfen.

Zudem ist die Hemmschwelle, in einer Problemsituation Hilfestellung einzuholen und um einen Rat zu bitten bei einer externen Beratung deutlich niedriger als bei einem unternehmensinternen Angebot.

Natürlich steht das Beratungsangebot auch den Führungskräften zur Verfügung, wenn diese Probleme mit schwierigen Mitarbeitern bekommen, selbst unsicher sind oder unter ihrer Sandwichposition zwischen „Oben“ und „Unten“ leiden. Denn auch für Führungskräfte ist es bedeutend leichter, einen externen Fachmann um Rat zu fragen, als im eigenen Unternehmen zugeben zu müssen, dass es Probleme gibt, mit denen sie allein nicht fertig werden.

Neben den o.g. Punkten kann ein EAP auch dazu beitragen, die Mitarbeiter an das entsprechende Unternehmen zu binden – schließlich ist Wertschätzung nicht nur in Zeiten zunehmendem Fachkräftemangels ein wesentlicher Faktor für Zufriedenheit und Betriebstreue der Beschäftigten.

Was passiert nach den Gesprächen?

Das Unternehmen bekommt vom EAP-Dienstleister zumeist einen anonymisierten Report. Darin werden lediglich die Anzahl und die Themen der Beratungsgespräche aufgelistet. Die besprochenen Fragestellungen werden allerdings nur so skizziert, dass es nicht möglich ist, Rückschlüsse auf einzelne Mitarbeiter zu ziehen.

Wird anhand der Reports deutlich, dass bestimmte Beratungsthemen aus dem betrieblichen Bereich gehäuft auftreten, kann so eine Art Frühwarnsystem entstehen, das dazu beiträgt, bei Problemen möglichst frühzeitig eingreifen zu können.

In Unternehmen mit einem Betriebsrat oder einer Personalvertretung ist es deshalb ebenso üblich wie unverzichtbar, dass auch das Mitbestimmungsgremium eine Ausfertigung des Reports erhält.

Was kostet das alles?

Die genauen Kosten für ein EAP richten sich nach den jeweiligen Vertragsinhalten und hier insbesondere nach dem Umfang des Beratungsangebots und der Erreichbarkeit der Berater. Gezahlt wird in der Regel ein Pauschalbetrag für jeden beratungsberechtigten Mitarbeiter. Dabei ist es natürlich ein gehöriger Unterschied, ob die Berater 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche erreichbar sind oder nur während der üblichen (Kern-)Arbeitszeiten im Betrieb.

Auch der Umfang der Beratung spielt eine gewichtige Rolle: Einzelne Anbieter stellen beispielsweise auch die Beratung durch Ärzte sicher, sodass insbesondere psychosomatische Probleme schneller erkannt werden können – ein sinnvolles Feature, das aber natürlich die Kosten in die Höhe treibt.

Es gibt inzwischen zahlreiche Untersuchungen (vornehmlich aus den USA, wo EAP schon seit langem zum Standard gehört), die belegen, dass die Kosten für EAP sich um ein Vielfaches rechnen. Die Angaben zum Return on Investment schwanken zwar je nach Angebotsumfang und Kosten, aber ein Wert von 1:5 ist keine Seltenheit.

Das hieße: Für jeden eingesetzten Euro bekommt die Firma einen monetären Gegenwert von fünf Euro durch verringerte Fehlzeiten und Produktivitätseinbußen. Hinzu kommen die nicht direkt bezifferbaren Effekte (z.B. Zufriedenheit, weniger Kosten bei Personalbeschaffung und durch innerbetriebliche Konflikte).

Weitere Infos:

Autor: Jürgen Heidenreich, Reinbek (Mitarbeit: Frank Strankmann).

AGB | Datenschutz | Impressum | Leistungsschutzrecht | Copyright © 2017 Wolters Kluwer Deutschland GmbH


Luchterhand Fachverlag Logo
UAN_nv_1409
/fachwissen/