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LAG Köln: Erkrankung am Tag einer Auseinandersetzung mit Chef ficht AU-Bescheinigung nicht an

11.06.2018

Arbeitnehmer, die im Laufe eines Arbeitstages krank werden und deshalb gehen, haben dennoch Anspruch auf Vergütung für den gesamten Arbeitstag. Zudem ist der Beweiswert einer anschließend eingereichten Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) nicht allein deshalb anzuzweifeln, weil der Betroffene am fraglichen Tag eine Auseinandersetzung mit seinem Vorgesetzten gehabt hat. Das hat das Landesarbeitsgericht Köln (LAG) kürzlich klargestellt (Az. 4 Sa 290/17).

Im Streitfall ging es um einen langjährigen Mitarbeiter einer großen Fast-Food-Kette, der an einem Tag im Mai 2016 gegen Mitte seiner Schicht wegen akuter Beschwerden den Betrieb verlassen hatte. Zuvor war es zwischen ihm und seinem Schichtleiter zu einer Auseinandersetzung über den Beginn seiner Pause gekommen, bei der ein Pappbecher geworfen worden sein soll.

Arbeiten in der Fast-Food-Branche ist oft kein Zuckerschlecken / Photo: Mali Maeder - Pexels Obwohl der Mann für den entsprechenden Tag und die drei Folgetage eine ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung beibrachte und später auch noch eine Folgebescheinigung für die nachfolgende Woche, erhielt er vom Arbeitgeber kein Geld. Dagegen setze sich der Arbeitnehmer gerichtlich zur Wehr.

Laut LAG verwies der spätere Kläger darauf, er habe sich schon zu Dienstbeginn unwohl gefühlt und später – als er ungeachtet der Auseinandersetzung weiter gearbeitet habe – Atemprobleme und leichte Schweißausbrüche bekommen. Zudem habe er die sog. Storemanagerin „aufgesucht und ihr mitgeteilt, dass er kaum Luft bekomme und sich unwohl fühle“. Da diese am PC arbeitet und auf mehrere Hinweise nicht reagiert habe, habe er sich schließlich ausgestempelt und sofort seinen Arzt aufgesucht.

Der Arbeitgeber behauptete laut LAG hingegen, der Mitarbeiter sei am fraglichen Tag „putzmunter“ zur Arbeit gekommen, habe zwischenzeitlich bei der Zubereitung eines Burgers einen Gast absichtlich warten lassen und sich später – ohne Bescheid zu geben – bei „bester Gesundheit“ ausgestempelt. Dass der Mann tatsächlich krank gewesen sei, zweifelte die Firma an. Denn der Beweiswert der AU-Bescheinigung, so ihr Argument, werde dadurch erschüttert, dass der Mann bereits etwa drei Stunden gearbeitet habe, bevor er sich für den fraglichen Tag habe krankschreiben lassen.

Vor Gericht kam die Hamburger-Kette mit dieser Argumentation jedoch nicht durch: Denn wie es in der Begründung des LAG heißt, erhalte ein „Arbeitnehmer, der im Laufe der Arbeitsschicht erkrankt, für den angebrochenen Arbeitstag insgesamt die volle Vergütung, auch wenn der angebrochene Arbeitstag bei der Berechnung des Sechswochenzeitraumes nicht mit eingerechnet wird“. Das sei seit „eh und je“ übliche und bewährte Praxis in Betrieben und auch vom Bundesarbeitsgericht mehrfach als rechtens bejaht worden (die Richter verweisen u.a. auf BAG, 04.05.1971 – 1 AZR 305/70 sowie BAG, 26.02.2003 – 5 AZR 112/02).

Zudem, so die Richter, sei es „nach allgemeiner Lebenserfahrung weder ungewöhnlich“, noch selten, „dass eine Arbeitsunfähigkeit erst im Verlauf eines Arbeitstages eintritt“. Der Umstand, dass jemand nach einigen Stunden Arbeit „den Arbeitsplatz verlassen hat, begründet also keinen ernsthaften Zweifel am Bestehen seiner Arbeitsunfähigkeit“.

Da einer ärztlichen AU im Übrigen ein hoher Beweiswert zukomme – „insbesondere vor dem Hintergrund der Pflichten, die ein Arzt aufgrund der Arbeitsunfähigkeitsrichtlinien bei Ausstellen einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung hat“ – könne ein solches Dokument nur dann in Frage gestellt werden, wenn „ernsthafte Zweifel“ an der Richtigkeit bestünden und diese auch belegt würden, so die Richter. Das könne etwa bei einer AU, die ohne Untersuchung und nur aufgrund eines Telefonats ausgestellt würden, der Fall sein.

Angesichts dessen müsse der Arbeitgeber „Umstände dartun“, die eine „behauptete krankheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit ernsthaft in Zweifel ziehen können“.  Die bloße Behauptung, der Mitarbeiter sei gesund gewesen, stelle im Streitfall aber „nichts Anderes dar, als das Bestreiten der Arbeitsunfähigkeit“. Und das, so das LAG reiche „gerade nicht aus, um ernsthafte Zweifel an der Richtigkeit der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu begründen“.

Der Mitarbeiter habe daher, so das Fazit, Anspruch auf weitere 722,97 EUR Bruttovergütung. Revision wurde nicht zugelassen.

Urteil des Landesarbeitsgerichts Köln vom 12.01.2018 (Az. 4 Sa 290/17).

Vorinstanz: Urteil des Arbeitsgerichts Bonn vom 01.02.2017 (Az.: 5 Ca 1636/16).

Autor:

Frank Strankmann ist Journalist und Redakteur. Er recherchiert und schreibt seit Jahren zu aktuellen (arbeits-)rechtlichen Themen.

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