Kurze Wege zum Arbeitsplatz sind nicht zwingend sichere Wege. Das zeigt der Fall eines Beschäftigten im Homeoffice, der daheim auf dem Weg ins häusliche Büro stürzte. Die strittige Frage, ob es sich dabei um einen Arbeitsunfall handelt, hat das Bundesozialgericht nun mit einem eindeutigen Ja beantwortet (Az. B 2 U 4/21 R).

Bereits seit mehreren Jahren arbeitete der klagende Gebietsverkaufsleiter im Homeoffice, das eine Etage tiefer liegt als das Schlafzimmer. An einem Tag rutschte er auf „dem morgendlichen erstmaligen Weg“ auf der Wendeltreppe aus, die Schlafzimmer und Büro verbindet. Bei dem Sturz brach er sich einen Brustwirbel.

Der Mann stellte bei der Berufsgenossenschaft Handel und Warenlogistik einen Antrag auf Entschädigungsleistungen aus der gesetzlichen Unfallversicherung (wir berichteten am 11.05.20231). Die Unfallversicherung lehnte mit der Begründung ab, bei dem Sturz handele sich nicht um einen Arbeitsunfall.

Der Gebietsverkaufsleiter verklagte die Berufsgenossenschaft vor dem Sozialgericht – mit Erfolg. Die Beklagte ihrerseits ging in Revision und wurde von dem Landessozialgericht bestätigt: Das erstinstanzliche Urteil wurde geändert und die Klage wurde abgewiesen.

Der Kläger seinerseits nutzte die Möglichkeit der Revision vor dem Bundessozialgericht. Er rügte laut dpa „eine Verletzung des materiellen Rechts“. Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer würden – nicht zuletzt durch die pandemische Lage – im Homeoffice arbeiten. Diese Gruppe dürfte von der gesetzlichen Unfallversicherung nicht schlechter gestellt werden als die Beschäftigten im Betrieb. Entsprechend müsse der Weg zur erstmaligen Aufnahme der Tätigkeit im Homeoffice ein versicherter Betriebsweg sein.

Die Entscheidung des obersten Sozialgerichts fiel zu seinen Gunsten aus: Für den 2. Senat des Bundessozialgerichts ist unstrittig, dass der Kläger einen Arbeitsunfall hatte, als er „auf dem morgendlichen Weg in sein häusliches Büro“ stürzte. Denn er Kläger musste über die Wendeltreppe laufen, um überhaupt seine Arbeit aufnehmen zu können. Deshalb ist der „morgendliche erstmalige Weg“ als Betriebsweg versichert.

Urteil des Bundessozialgerichts vom 08.12.2021 (Az.: B 2 U 4/21 R).

Vorinstanzen:

Urteil des Landessozialgerichts Nordrhein-Westfalen vom 09.11.2020 (Az.: L 17 U 487/19).

Urteil des Sozialgerichts Aachen vom 14.06.2019 (Az.: S 6 U 5/19).

Hinweis der Redaktion:

Der hier verhandelte Fall unterfiel noch der früheren Rechtslage. Mittlerweile ist der Unfallversicherungsschutz im Home-Office laut § 8 Abs. 1 Satz 3 SGB VII wie folgt geregelt:

Wird die versicherte Tätigkeit im Haushalt der Versicherten oder an einem anderen Ort ausgeübt, besteht Versicherungsschutz in gleichem Umfang wie bei Ausübung der Tätigkeit auf der Unternehmensstätte.”

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