Stürzt ein minderjähriger Azubi während eines Seminars nachts beim Versuch in das benachbarte Mädchenzimmer zu gelangen vom Dach einer Jugendherberge, kann das ein Arbeitsunfall sein. Das hat das Landessozialgericht Baden-Württemberg in einem ungewöhnlichen Fall entschieden (L 9 U 180/20).

Im Prozess ging es um einen 17-Jährigen, der im Spätsommer 2014 eine von Arbeitsagentur geförderte Ausbildung zum Fachpraktiker Hauswirtschaft begonnen hatte. Als er später an einem mehrtägigen Einführungsseminar in einer Jugendherberge teilnahm, galt dort die Regel, ab 23 Uhr das eigene Zimmer nicht mehr zu verlassen. Auch Flurkontrollen waren von den Betreuern angekündigt und durchgeführt worden.

Dennoch hatte der junge Mann mehreren Teilnehmerinnen im Nachbarzimmer, mit denen er zuvor gemeinsam ‘abgehangen’ hatte, versprochen, sie nach Beginn der Ruhezeit erneut zu besuchen – und zwar, indem er über das Dach in den Nebenraum klettern würde.

Während die jungen Frauen diese Ankündigung laut Gericht bezweifelt hatten, versuchte der Azubi dann tatsächlich eine Kletterpartie. Dabei verlor er den Halt und stürzte aus gut 8 Metern Höhe ab. Nach Gerichtsangaben zog er sich dabei mehrere Frakturen zu und erlitt eine irreparable “massive Bewegungseinschränkung des gesamten linken Armes”.

Da die zuständige Berufsgenossenschaft (BG) sich weigerte, das Malheur als Arbeitsunfall anzuerkennen, klagte der glücklose Auszubildende – und bekam Recht: Der 9. Senat des LSG verwarf die Berufung der BG gegen das annähernd gleichlautende erstinstanzliche Urteil und verwies u.a. darauf, der Azubi sei “bei allen Verrichtungen während des Einführungsseminars unfallversichert gewesen, die in innerem Zusammenhang mit der Ausbildung standen”. Und davon sei auch der nächtliche Ausflug umfasst.

Pubertäre Gruppendynamik mit Folgen

Zwar habe sich der junge Mann, konzedierten die Richter, “mit seiner Kletterei – objektiv betrachtet – in hohem Maße vernunftwidrig und gefahrbringend verhalten”, der Versicherungsschutz aber “nicht dadurch aufgehoben”. Schließlich sei der Unfall Folge einer “altersbedingten Unreife und eines für Jugendliche seines Alters typischen gruppendynamischen Prozesses” gewesen. Dies, zumal der Azubi nach Ankündigung seines nächtlichen Besuches “in einen gewissen Zugzwang geraten” sei.

Auch die “Selbstüberschätzung”, das benachbarte Mädchenzimmer angesichts der Flurkontrollen unversehrt über das Dach erreichen zu können, sei “jugendtypisch und unter Berücksichtigung des konkreten Sachverhalts auch nicht völlig vernunftwidrig”. Da Zeugen im Krankenhaus den Pechvogel überdies als “lediglich leicht alkoholisiert wirkend” eingeschätzt hatten, muss die BG einer LSG-Mitteilung zufolge für die Folgen des Arbeitsunfalls aufkommen.

Urteil des Landessozialgerichts Baden-Württemberg vom 14.12.2021 (Az.: L 9 U 180/20).

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