"Ein Dankeschön reicht"

Als Vollblutbetriebsrat setzt sich Bruno Hickert für die Interessen der Arbeitnehmer beim Reifenhersteller Continental AG ein. Und das seit mehr als 13 Jahren. Seine aktuelle Herausforderung als Betriebsratschef: Die Arbeitsbelastung für ältere Beschäftigten verringern.

Bruno Hick. Foto: Privat

Bruno Hickert (54), Betriebsratsvorsitzender bei der Continental AG in Aachen, ist zufrieden: Unter seiner Federführung hat der Gesamtbetriebsrat ein neues Modell für einen flexiblen Ausstieg aus dem Erwerbsleben mit der Conti-Geschäftsleitung ausgehandelt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Rente mit 67 stellt Betriebsräte vor neue Herausforderungen

Hickert freut sich, dass vor allem ältere Kollegen im Vollkonti-Schichtsystem von der neuen Rahmenvereinbarung RV 80 profitieren: "Sie kriegen jetzt in ihren letzten Arbeitsjahren längere Erholungsphasen und haben dadurch größere Chancen, ihre Rentenzeit gesund zu erreichen." Das haben die Beschäftigten im Aachener Traditionswerk auch verdient. Seit 1931 werden hier Luftreifen mit Profil hergestellt. Jeden Tag produzieren die Arbeiter 29.000 Premium-Pneus - im Jahr sind das 8,7 Millionen.

Betriebliche Lösungen zum Ausstieg aus dem Betrieb, beispielsweise Teilzeit im Alter, sind notwendig, weil die Politik, die vorzeitige Verrentung in Form von Altersteilzeit nicht mehr unterstützt. Dabei schätzen Unternehmen, Gewerkschaften und Beschäftigte die Möglichkeit, sich früher  aus dem Arbeitsleben zu verabschieden und die vorzeitige Verrentung älterer Beschäftigter zu guten Konditionen. Heute aber soll der Start in die Rente erst mit 67 Jahren erfolgen und das bei möglichst vielen.

Das ist eine Herausforderung für die Betriebe, vor allem für die Betriebsräte: Mitarbeiter müssen gesund alt werden und engagiert bei der Arbeit bleiben. An diesem Punkt musste sich auch der Betriebsratsvorsitzende Hickert aus Aachen zusammen mit den Kollegen-Betriebsräten der anderen Werke der Conti Rubber Group etwas Innovatives einfallen lassen. Die Chance bot sich mit dem Chemie-Tarifvertrag "Lebensarbeitszeit und Demografie" - Hickert und seine Kollegen nutzen sie.

Weniger Belastungen, dafür mehr Erholungsphasen für ältere Mitarbeiter

"Geringere körperliche Belastungen im Alter" - das ist ein großes Thema bei Continental, bestätigt Hickert, "zumindest an den Produktions-Standorten, wo vollkontinuierlich in Schicht gearbeitet wird". In Aachen sind rund 1.700 Mitarbeiter im Reifenwerk Rothe Erde beschäftigt, der größte Teil arbeitet in Voll-Kontischicht.

Viele Mitarbeiter gehen davon aus, dass sie bei gleichbleibendem Arbeitsvolumen und Stress das Rentenalter 67 nicht erreichen können. "Deshalb haben wir  den Punkt 'Reduktion der Arbeitsbelastung' im Werk Aachen ganz nach vorne geschoben. Das ist unser Ding. Den im Tarifvertrag vorgesehenen betrieblichen Demografie-Fonds nutzen wir dafür", erläutert Hickert.

Andere Standorte in der Rubber Group wählen andere Schwerpunkte: Das ist bewusst so gewollt. Lösungen etwa, in denen frühere Lebensphasen angesprochen sind: Jüngere Beschäftigte können während der Kindererziehung, der Pflege von Angehörigen oder während der beruflichen Weiterbildung ihre Arbeitszeit reduzieren.

Historische Werbetafel von Continental. Bild: ContinentalVom Bauschlosser zum Gesamtbetriebs-ratsvorsitzenden

Bruno Hickert ist Vollblutbetriebsrat und Gewerkschafter. Als Mitglied im Vorstand des Landesbezirks der IG Bergbau, Energie, Chemie (IG BCE) Nordrhein ist er ganz dicht dran an den großen Themen. Er mag seine Arbeit. Auch im Konzern Conti hat er schon an vielen Stellen mitgemischt. Fünf Jahre lang war er Konzernbetriebsratsvorsitzender, gerade als das Unternehmen einen riesigen Expansionskurs startete. Heute ist er in der Rubber Group stellvertretender Gesamtbetriebsratsvorsitzender und natürlich Betriebsratschef in Aachen.

1981 kam der gelernte Bauschlosser als Instandhalter zum Reifenhersteller Uniroyal, den später Continental aufkaufte. Noch im gleichen Jahr wurde er Gewerkschaftsmitglied. Von da an wuchs er langsam rein in die Gewerkschafts- und Betriebsratsarbeit. Erster Schritt: Vertrauensmann im Betrieb. Danach Ersatzmann im Betriebsrat. Seit 2000 hat er ein ordentliches Mandat. Vorsitzender ist er seit inzwischen elf Jahren. Und: Macht die Arbeit immer noch Spaß? "Ich habe es bis heute nicht bereut, es ist eine sehr befriedigende Arbeit", so Hickert im Gespräch mit Betriebsratspraxis24.de.

"Strategische Investition in die eigene Zukunft"

Er bleibt hartnäckig beim Thema. Sein jüngster Erfolg ist die RV 80. Die "Reifenbäcker von Aachen", wie sie in der Region genannt werden, wählten für sich das Modell "Teilzeitarbeit im Alter". Und das sieht konkret so aus: Der beschlossene neue Tarifbaustein bei Conti entlastet ältere Arbeitnehmer ab 60 Jahren, die bei vollem Monatsentgelt im Schichtbetrieb ihre Arbeitszeit auf eine Vier-Tage-Woche reduzieren.

Ein typisches Beispiel ist der 55 Jahre alte Schichtarbeiter. Zunächst arbeitet er weiterhin fünf Jahre in Vollzeit. Seine ihm tariflich zustehenden zweieinhalb Wochenstunden "Altersfreizeit" sammelt er auf einem "Sparbuch" anstatt sie sofort einzulösen. Dann wechselt er fünf Jahre vor seinem Renteneintritt in die Teilzeitarbeitsphase, in der er nur noch vier Tage in der Woche arbeitet. Dabei setzt er weitere zweieinhalb Wochenstunden "Altersfreizeit" ein. Den rechnerischen Rest bis zu einem "normalen" Siebeneinhalb-Stunden-Tag trägt Conti durch die Demografieabgabe. 200 Euro pro Jahr und pro Beschäftigten werden im Demografie-Fonds angesammelt.

"Wir sehen in dieser Vereinbarung einen großen Schritt, um den demografischen Wandel bewältigen zu können. Wir werden uns mit der Standort-Geschäftsleitung regelmäßig treffen, um die weitere Entwicklung zu begleiten", erklärt der Betriebsrats-Chef aus dem Dreiländereck.

Noch muss Hickert Überzeugungsarbeit leisten

Von den Beschäftigten verlangt das Modell "Teilzeitarbeit im Alter" eine neue Denke. Bislang sammelten die Schichtarbeiter ab dem 55. Lebensjahr pro Woche 2,5 Stunden Altersfreizeit. Die Stunden wurden zu Freischichten gebündelt. Ein beliebtes Modell, wie Hickert berichtet. Jetzt sollen die wöchentlichen Stunden Altersfreizeit erst einmal fünf Jahre lang angespart werden. "Da jubelt nicht jeder Mitarbeiter. Wir müssen Überzeugungsarbeit leisten für diese strategische Investition in die eigene Zukunft."

Jetzt geht es darum, den Beschäftigten zu zeigen, was mit der RV 80 konkret herauszuholen ist. Der 15-köpfige Betriebsrat, darunter vier Freigestellte, hat alle Hände voll zu tun. Da greift das Gremium natürlich auf Bewährtes zurück: Mit Hilfe eines vierseitigen Flyers gab es schon eine Erstinformation für die Beschäftigten, dann kam die Neuregelung als TOP auf die Betriebsversammlung, die betroffenen Altersgruppen wurden persönlich angeschrieben. Im letzten Schritt geht es um die individuelle Beratung der Mitarbeiter.

Bruno Hickert ist stolz, wenn er Beschäftigte bis zum Renteneintritt begleiten kann und alles gut geregelt ist. "Und wenn noch ein Dankeschön über die Lippen kommt, dann bin ich sehr zufrieden. Das war dann ein schöner Tag."


Continental Rubber-Werk in Aachen
Das Continental-Werk in Aachen Rothe Erde beschäftigt mit Behälterbau und Entwicklungsabteilung 1.700 Mitarbeiter. 8,7 Millionen Reifen sollen in 2013  produziert werden. 37 Prozent der Produktion geht in die Erstausrüstung, meist für Premiummarken wie Daimler und BMW. Der pannensichere Reifen SSR hat in Aachen einen Produktionsanteil von 25 Prozent, drei Millionen pro Jahr. Der Continental Konzern gehört mit einem Umsatz von 32,5 Milliarden Euro im Jahr 2012 weltweit zu den führenden Automobilzulieferern. Als Anbieter von Bremssystemen, Komponenten für Antriebe und Fahrwerk, Instrumentierung, Infotainment-Lösungen, Fahrzeugelektronik, Reifen und technischen Elastomerprodukten trägt Continental zu mehr Fahrsicherheit und zum globalen Klimaschutz bei. Continental ist darüber hinaus ein Partner in der vernetzten, automobilen Kommunikation. Continental beschäftigt derzeit rund 170.000 Mitarbeiter in 46 Ländern.


 

Autor: Dr. Klaus HeimannAutor
Dr. Klaus Heimann arbeitet als freier Jouranalist und Berater mit den Schwerpunkten Arbeit, Bildung und Karriere in Berlin. Bis Ende 2012 war er Ressortleiter Bildung beim Vorstand der IG Metall in Frankfurt/Main. (Foto: Privat)

 Bildnachweis: Bild Historische Werbetafel, Foto-Archiv Continental

AGB | Datenschutz | Impressum | Leistungsschutzrecht | Copyright © 2019 Wolters Kluwer Deutschland GmbH


Luchterhand Fachverlag Logo
UAN_nv_1409
/fachwissen/