Bildung ganz nach vorne schieben

Günter Geerdes (45) ist Betriebsrat auf der Meyer Werft. Ob Ausbildung, Weiterbildung, Berufsorientierung, Schülerpraktikum oder duales Studium - Geerdes kennt sich aus.

Auch an diesem Mittwochmorgen ist Günter Geerdes als freigestelltes Betriebsratsmitglied auf der Meyer Werft wieder in Sachen Bildung unterwegs. Er will der Belegschaft den neuen Ausbildungsleiter vorstellen.

Aktive Mitbestimmung in der beruflichen Bildung als Kerngeschäft

"Ein Mann aus den eigenen Reihen", freut sich Geerdes. Auf der Werft wird diese Personalentscheidung auf große Akzeptanz stoßen, davon ist der Ostfriese überzeugt. Die Entscheidung über den neuen Bildungskoordinator auf der Meyer Werft haben Geschäftsführung und Betriebsrat gemeinsam getroffen. Einvernehmlich und im Konsens - ein klassisches Beispiel, wie Bildungsfragen bearbeitet und entschieden werden.

Betriebsrat Günter Geerdes mit Auszubildenden

Aktive Mitbestimmung in der beruflichen Bildung ist für Betriebsräte ein Kerngeschäft. Ohne Betriebsräte stände es viel schlechter um die Berufsausbildung.  Das ist keine Übertreibung. Gemeinsam mit den Ausbildungsleitern und der Personalentwicklung kümmern Betriebsräte sich darum, dass der Fachkräftenachwuchs rechtzeitig vorhanden ist. "Für uns ist das praktische Arbeit für den Standort Meyer Werft Papenburg und für sichere Arbeitsplätze", so Geerdes, der seit dreizehn Jahren Betriebsrat ist. Seine Karriere als Betriebsrat verlief so, wie bei vielen anderen auch: Er ist in die Aufgabe reingewachsen.

Gelernt hat der hochgewachsene, schlanke Ostfriese natürlich auf der Werft, und zwar in dem für den Schiffbau wichtigen Schlüsselberuf des Schmelzschweißers. Als junger Facharbeiter wurde er schnell mit Ausbildungsaufgaben betraut. In seiner Abteilung kümmerte er sich als Ausbildungsbeauftragter um die Azubis. Seine Kollegen wollten Geerdes nicht nur mit Nachwuchs betrauen, er sollte auch ihr Mann im Betriebsrat werden. "Zum Start wusste ich nicht so richtig, was kommt da auf mich zu. Auch die Verknüpfung hin zur Gewerkschaft durchschaute ich nicht", erinnert er sich. Gleich zum Start, bei der ersten Wahl, legte er ein Top-Ergebnis hin: "Ich war unter den drei Besten."

Wenig Kontroversen, aber starke Mitbestimmungsrechte

Sehr schnell wurde dem Werft-Mann die Aufgaben der betrieblichen Bildung verantwortlich übertragen und damit auch die Leitung des zehnköpfigen Berufsbildungsausschusses des Betriebsrates. Alle zwei Wochen kommen sie zusammen. Geerdes merkte sehr schnell, dass er eine Aufgabe übernommen hatte, bei der es starke Mitbestimmungsrechte nach dem Betriebsverfassungsgesetz gibt. Wird aus- oder weitergebildet, ist der Betriebsrat immer im Spiel - ohne ihn läuft nichts. Allerdings erkannte Geerdes auch sehr früh: Die berufliche Bildung ist kein konfliktträchtiges Handlungsfeld im Betrieb.

Bei der Durchführung von Bildungsmaßnahmen hat der Betriebsrat ein umfassendes Mitbestimmungsrecht, so sieht es § 98 Abs. 1 BetrVG vor. Das betrifft Fragen wie Benennung, Auswahl und Einsatz von Bildungspersonal - also von Dozenten, Trainern, Ausbildern und Ausbildungsbeauftragen - genauso wie die Auswahl der Azubis oder Teilnehmer an Kursen oder Fragen zu Beurteilungssystemen, Zertifikaten und Freistellungsregelungen.

Einschränkungen gibt es nur dort, wo übergreifende Regelungen vorhanden sind - zum Beispiel in Ausbildungs- oder Weiterbildungsverordnungen. Diese müssen im Betrieb eingehalten werden. Sollen inhaltliche Erweiterungen verfolgt werden, unterliegt dies wieder der betrieblichen Mitbestimmung. Innerhalb des vom Betrieb angesetzten finanziellen Rahmens entscheidet der Betriebsrat mit darüber, wie und wo die Mittel verwandt werden.

Schiff in der Meyer Werft in PapenburgMehr Qualität dank eigener, gut ausgebildeter Leute

Günter Geerdes weiß, dass Bildungsfragen nicht in allen Betriebsräten bedeutsam sind. Bei der Meyer Werft sorgt er dafür, dass über Bildung gesprochen wird. Auf Betriebsversammlungen und jede Woche in der Betriebsratssitzung berichte er, was ansteht. Er engagiert sich bei der Industrie- und Handelskammer Emden und in der IG Metall. "Da kommt einiges an Informationen zusammen."  So sei es gelungen, den Stellenwert der Bildungsfragen Stück für Stück nach oben zu schieben. "Bei vielen der rund 3.100 Kollegen geht es um die Bildungschancen der eigenen Kinder. Da kümmert man sich dann schon."

Gerade jetzt haben die Betriebsräte mit der Geschäftsleitung diskutiert, wie viele Azubis zukünftig eingestellt werden sollen. Die Forderung des Betriebsrats: Jedes Jahr knapp 80 Neueinstellungen. Der Personalchef  wollte aber nur die alte Zahl von 45 Azubis fortschreiben.

Doch der Betriebsrat konnte nachweisen, dass sich durch Fremdvergaben, zum Beispiel in der Konstruktion, eine hohe Fehlerquote eingeschlichen hatte. Auch in der Produktion gab es heftige Kritik an der Qualität der Zeichnungen. Das Ergebnis: Statt bisher sechs neu einzustellende Technische Produktdesigner sind es zukünftig zwölf. Auch in den Bereichen Schweißtechnik und Schiffsmontage werden mehr Auszubildende eingestellt.

Weniger Fremdvergaben, mehr Qualität und Produktivität durch eigene, gut ausgebildete Leute, lautete das Ziele des Betriebsrats. "Das haben wir jetzt im Zukunftstarifvertrag so festgeschrieben", berichtet Geerdes voller Stolz. Jedes Jahr werden 65 neue Azubis auf der Werft eingestellt. Zusammen mit den dual Studierenden sind es dieses Jahr sogar 88. Ein starkes Signal.

Aus Tradition: Chancen auch für schwächere Schüler

Bei  der Meyer Werft ist es Tradition, auch Jugendlichen aus Haupt- und Förderschulen eine Ausbildungschance zu geben. Bildungs-Betriebsrat Geerdes ist das Bindeglied zwischen der Werft und den Schulen. Er ist es, der in die Schulen geht, den Schülern über die Arbeit auf der Werft berichtet und die Ausbildungsberufe vorstellt. Und er redet über das, was Betriebsrat, Jugend- und Auszubildendenvertretung und Gewerkschaft so treiben.

Er spricht mit den Lehrern, er ist bei den Einstellungsgesprächen dabei. Auf einen Einstellungstest verzichtet die Meyer Werft. "Die Informationen, die wir von den Schulen, den Eltern und aus dem Umfeld bekommen, ergeben ein Bild vom Jugendlichen. Wenn wir das Revue passieren lassen, dann können wir sagen, ja das passt oder eben auch nicht."

Verbesserung der Ausbildungsqualität hat sich der Betriebsrat als weiteres Projekt auf die Fahnen geschrieben. Dabei kümmert er sich insbesondere um die 145 Ausbildungsbeauftragten im Betrieb. Sie sollen in die Rolle von Lernprozessbegleitern schlüpfen und den Azubis beibringen, wie sie durch eigene Arbeit, durch die Mitarbeit bei den anfallenden Aufträgen,  Fachkompetenz aufbauen können. "Wir wollen, dass unsere Azubis selber Ideen und Vorschläge entwickeln. Es geht nicht darum, nur das nachzumachen, was der Ausbilder vorgibt."

Junge Leute ließen sich für die Ausbildung motivieren und begeistern, egal von welcher Schule sie kämen.  Probleme – ja, Probleme mit einzelnen Azubis treten auf, seien aber lösbar. "Gerade wenn ich helfen konnte und derjenige dann nach abgeschlossener Ausbildung sagt, ohne Deine Hilfe hätte ich das nicht geschafft, dann weiß ich, warum ich die Bildungsarbeit so gerne mache."

Weiterbildung für einen besseren Geschäftserfolg

Kümmern musste sich Geerdes jetzt auch um die Weiterbildung. 20 Interessenten für die Technikerausbildung in Papenburg drohten leer auszugehen, weil die zwei vorgesehenen Klassen ausgebucht waren.  Der Bildungs-Betriebsrat sollte helfen und das tat er auch. Er fand eine staatliche Berufsfachschule, die zwei weitere Klassen einrichtete. Durch Werbung auf der Werft konnten nochmals  20 angehende Techniker ausfindig gemacht werden.

Und noch etwas konnte er regeln: Anstatt vier Jahre lang zweimal in der Woche am Abend und zusätzlich jeden Samstag die Schulbank zu drücken, konnte die neue Technikerausbildung durch Blockunterricht auf eine dreijährige Dauer verkürzt werden. Vorbilder für eine solche Weiterbildung fand Geerdes in anderen Bundesländern. Im August startete die neue  Technikerausbildung. "Mein gut funktionierendes Netzwerk in Sachen Berufsbildung hat mir sehr geholfen."

Dass die berufliche Aus- und Weiterbildung ein wenig kontroverses Handlungsfeld ist, muss keineswegs heißen, dass der Bereich keine Rolle spielt. Die Arbeit des Betriebsrats auf der Meyer Werft zeigt, was alles möglich ist. Bildungsfragen im Betrieb anzupacken und beteiligungsorientiert zu lösen, ist ein Gewinn für den Arbeitgeber und gleichermaßen für die Beschäftigten. Die Arbeitnehmer wollen ihre Beschäftigungsfähigkeit erhalten und ausbauen. Der Arbeitgeber will höhere Wertschöpfung und besseren Geschäftserfolg.

"Beide Ziele sind durch Bildung zu erreichen. Das ist eine solide Grundlage für eine gute Betriebspolitik in der beruflichen Bildung", so die Überzeugung von Bildungs-Betriebsrat Günter Geerdes.


Die Meyer Werft in Papenburg

Die MEYER WERFT GmbH in Papenburg wurde 1795 gegründet und befindet sich in sechster Generation im Familienbesitz. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Meyer Werft weltweit einen Namen mit dem Bau von Kreuzfahrtschiffen gemacht. Insgesamt sind bisher 36 Luxusliner vom Stapel gelassen worden.

Die Meyer Werft war die erste Kompaktwerft in Europa und gehört heute zu den modernsten Werften der Welt. Die zwei überdachten Baudockhallen sowie die modernen Fertigungsanlagen und das Konzept der kurzen Wege machen die Werft erfolgreich. Innovationen und neue Technologien prägen den Werftalltag. Alle Abteilungen der Werft sind mit Computertechnologie ausgestattet - vom Entwurf über Konstruktion bis hin zur Fertigung.

Insgesamt wurden 237 Schiffe vom Papenburger Traditionsunternehmen an seinen Standorten Papenburg und Rostock in den vergangenen Jahrzehnten gebaut – weitere 24 Schiffe befinden sich derzeit im Bau. Damit sichert die Firma bundesweit über 25.000 Arbeitsplätze. Für 2,6 Milliarden Euro wurden in 2012 im deutschen Handelsschiffsbau Schiffe ausgeliefert – zwei Drittel des Umsatzes entfiel auf die Meyer Werft. Die Zahl der unmittelbar Beschäftigten bei der Meyer Werft liegt bei 3.100. Über 300 Auszubildende lernen auf der Werft.


 

Autor: Dr. Klaus HeimannAutor
Dr. Klaus Heimann arbeitet als freier Jouranalist und Berater mit den Schwerpunkten Arbeit, Bildung und Karriere in Berlin. Bis Ende 2012 war er Ressortleiter Bildung beim Vorstand der IG Metall in Frankfurt/Main. (Foto: Privat)

 Bildnachweis: MEYER WERFT GmbH

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