Für das aktuelle Tarifjahr bilanziert das WSI-Tarifarchiv einen deutlichen Reallohnverlust in Höhe von 1,4 Prozent. Grund dafür ist die prognostizierte Steigerung der Verbraucherpreise im laufenden Jahr auf 3,1 Prozent. Eine steuer- und abgabenfreie Corona-Prämie mildert freilich in vielen Tarifbranchen den Verlust der Kaufkraft ab.  

Besonders stark von den Corona-Prämien profitieren die unteren Einkommensgruppen, so das Tarifarchiv im Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung. Um wie viel Prozent die Corona-Prämie die Differenz zwischen der durchschnittlichen Steigerung der Tariflöhne um 1,7 Prozent und der Inflationsrate auffangen wird, ist individuell sehr verschieden. Das Tarifarchiv geht freilich davon aus, dass „die individuelle Lohnentwicklung“ für viele Tarifbeschäftigte „positiver ausfallen“ wird, als der Durchschnittswert vermuten lässt.

Neue Tarifverträge wurden im Jahr 2021 nach der Analyse des WSI-Tarifarchivs für mehr als 12 Millionen Beschäftigte abgeschlossen. Weitere 6 Millionen Beschäftigte würden zudem von Tarifsteigerungen profitieren, die bereits 2020 oder früher vereinbart worden sind.

Die neuen Verträge weisen im Durchschnitt ein Plus von 1,5 Prozent auf. Da die Tarifverträge in der Vergangenheit einen Zuwachs von rund 2,0 Prozent verbuchen konnten, ergibt sich für das Jahr 2021 ein durchschnittlicher Anstieg von 1,7 Prozent. Dies ist eine deutliche Differenz sowohl zum Vorjahr als auch zu den Boomjahren 2018 (+ 3 %) und 2019 (+ 2,9 %).

Die moderaten Tariflohnzuwächse erklärt Professor Dr. Thorsten Schulten, Leiter des WSI-Tarifarchivs, mit dem ungewissen Verlauf der Pandemie und den damit verbundenen ökonomischen Unsicherheiten. Im vergangenen Jahr habe es für die Tarifbeschäftigten ein kräftiges Reallohnwachstum gegeben. Doch im laufenden Jahr würden die hohen Inflationsraten „erstmals seit langem wieder deutliche die Tariflohnzuwächse“ übersteigen.

Für das Jahr 2022 rechnet Professor Schulten tendenziell mit einer Normalisierung bei den Preisen und mit etwas kräftiger steigenden Tariflöhnen. Wie andere Experten auch, kann der Leiter des WSI-Tarifarchivs in den ihm vorliegenden Daten „keinerlei Grundlage“ erkennen, um das Schreckgespenst einer Lohn-Preis-Spirale an die Wand zu malen.

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