Der Anteil der Beschäftigten, die trotz Vollzeitarbeit Verdienste im unteren Entgeltbereich beziehen, hat sich im vergangenen Jahrzehnt verringert. Das ist die gute Nachricht. Dennoch liegt der Anteil der Geringverdienenden deutschlandweit immer noch bei knapp 19 Prozent. Eine Analyse des WSI liefert detaillierte Daten und verdeutlicht regionale Unterschiede.

Groß sind hierzulande nicht nur die Differenzen bei den Einkommen nach Regionen, trotz der insgesamt positiven Entwicklung im Zeitraum von 2011 bis 2020, sondern auch nach Geschlechtern, den Branchen und den Qualifikationen. Dies zeigt eine Studie über den unteren Entgeltbereich des WSI, des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung.

Im Jahr 2011 lag die Quote der Bezieher von Niedriglöhnen bei 21,1 Prozent, im Jahr 2020 war dieser Anteil auf 18,7 Prozent gesunken. Nach der Definition der Bundesagentur für Arbeit (BA) fallen in den so genannten unteren Entgeltbereich alle Beschäftigten in Vollzeit mit einem monatlichen Höchsteinkommen von 2.284 Euro brutto.

Diese Quote ist mit 6,4 Prozent am niedrigsten in der Stadt Wolfsburg und am höchsten mit 43,2 Prozent im Erzgebirgskreis. Sowohl für Wolfsburg als auch für den Erzgebirgskreis – und nicht nur da – haben die WSI-Wissenschaftler deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern ausgemacht: Hier wie dort, sind mehr Frauen im Bereich der Geringverdiener anzutreffen als Männer.

In Wolfsburg sind gerade einmal 4,4 Prozent der Männer im Niedriglohnbereich, bei den Frauen sind es mit 13,0 Prozent knapp drei Mal so viele. Wesentlich unattraktiver ist die Einkommenssituation für beide Geschlechter im Erzgebirgskreis: 38,8 Prozent der Männer liegen unter der kritischen Einkommensgrenze von 2.284 Euro brutto. Bei den Frauen verdienen mit 52,8 Prozent mehr als die Hälfte der Vollzeitbeschäftigten lediglich einen niedrigen Lohn.

Die Einkommensunterschiede zeigen sich nicht nur zwischen Ost und West, sondern auch deutlich zwischen ländlichen Regionen und Ballungsgebieten. Höhere Gehälter gibt es laut WSI beispielsweise dort, wo große Arbeitgeber aus der Industrie, der Verwaltung oder der Wissenschaft beheimatet sind.

Niedrige Gehälter gibt es insbesondere im Gastgewerbe (68,9 %), in der Leiharbeit (67,9 %) und der Land- und Forstwirtschaft (52,7 %). Am positiven Ende der Einkommensskala liegen der öffentliche Dienst, in dem gerade 2,5 Prozent der Beschäftigten Löhne im unteren Entgeltbereich beziehen, und beispielsweise in der Finanz- und Versicherungsbranche, in der 4,2 Prozent der Mitarbeitenden in den Niedriglohnbereich fallen.

Beobachtet haben die Autoren der Studie ebenfalls einen Zusammenhang zwischen der Qualität der Ausbildung und dem monatlichen Verdienst. Nach der WSI-Analyse liegt der Anteil der Geringverdienste bei Vollzeitbeschäftigten ohne Berufsabschluss bei 40,8 Prozent, bei Berufstätigen mit einem beruflichen Abschluss bei 17,8 Prozent und bei Menschen mit einem Hochschulabschluss bei 4,9 Prozent.

Auch einen Zusammenhang zwischen hohen Wohnkosten und einem niedrigen Anteil von Vollzeitbeschäftigten im unteren Entgeltbereich haben Dr. Eric Seils und Dr. Helge Semmler registriert. Erklärt wird dieses Phänomen damit, dass die Einkommen in Regionen mit hohen Wohnkosten zumeist höher seien als andernorts. Positiv auf die Kaufkraft wirke sich dies freilich nicht zwingend aus. Höhere Mieten und Preise würden den Mehrverdienst „gleichsam auffressen“.

Insbesondere in Ostdeutschland ist es gelungen, den unteren Entgeltbereich zurückzudrängen, betont WSI-Datenexperte Dr. Helge Emmler. Dennoch sei der Niedriglohnbereich dort noch stark verbreitet und zugleich sei die Tarifbindung niedriger als im Westen. Um im Osten weiterzukommen, ist aus seiner Perspektive „eine Stärkung der Tarifbindung erforderlich“.

Für ihre Studie haben die WSI-Forscher Dr. Eric Seils und Dr. Helge Emmler Daten der BA ausgewertet, in der die Mehrheit der sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten erfasst ist.

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