Wer seinen Urlaub in einem als Corona-Hochrisikogebiet eingestuften Land verbringt und im Anschluss an Covid erkrankt, hat seine Erkrankung nicht im Sinne von § 3 Abs. 1 Satz 1 EFZG verschuldet, sofern die Inzidenz im gleichen Zeitraum am Wohn- und Arbeitsort bzw. in Deutschland höher liegt. Das hat das Arbeitsgericht Kiel entschieden (Az.: 5 Ca 229 f/22).

In dem Fall ging es um eine dreifach geimpfte Frau, die im Januar und Februar 2022 in der Dominikanischen Republik Urlaub gemacht hatte. Das Land war vom Robert-Koch-Institut im Januar 2022 als Hochrisikogebiet ausgewiesen worden. Am Abflugtag lag dort die Inzidenz bei 377,7 und in Deutschland bei 878,9. Rund eine Woche nach Beendigung der Reise war die Inzidenz in der Dominikanischen Republik auf 72,5 gefallen und in Deutschland auf 1.465,4 gestiegen. Im direkten Anschluss an die Reise wurde die Klägerin positiv auf Corona getestet und legte der Arbeitgeberin eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vor.

Diese erkannte die Beklagte nicht an und leistete für den ausgewiesenen Zeitraum keine Entgeltfortzahlung. Die Klägerin sei mangels Symptomen nicht arbeitsunfähig gewesen und habe die Erkrankung durch ihren Reiseantritt schuldhaft herbeigeführt. Mit ihrer Klage macht die Klägerin vor Gericht erfolgreich Entgeltfortzahlung geltend – und obsiegte.

Das Arbeitsgericht führte zur Begründung aus, dass ein Arbeitnehmer auch dann arbeitsunfähig ist, wenn er symptomlos Corona-positiv getestet ist und nicht im Homeoffice tätig sein kann. Im Übrigen lasse die Information der Klägerin an die Arbeitgeberin, dass es ihr ganz gut gehe, den hohen Beweiswert der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung nicht entfallen. Die gegen die Klägerin angeordnete Quarantäne schließe den Entgeltfortzahlungsanspruch nicht aus.

Insbesondere habe die Klägerin ihre Arbeitsunfähigkeit auch nicht verschuldet. Denn das setze einen groben Verstoß gegen das Eigeninteresse eines verständigen Menschen voraus. Dies entspreche nicht der Wertung des § 56 Abs. 1 Satz 4 IfSG: “Jedenfalls dann, wenn die Inzidenzwerte im Urlaubsgebiet nicht deutlich über den Inzidenzwerten des Wohn- und Arbeitsortes bzw. der Bundesrepublik Deutschland liegen, verstößt der Arbeitnehmer nicht in grober Weise gegen sein Eigeninteresse. Die Reise in das Hochrisikogebiet geht in diesen Fällen nicht über das allgemeine Lebensrisiko hinaus.”

Die Berufung ist wegen grundsätzlicher Bedeutung zugelassen worden.

Die Entscheidung ist nicht rechtskräftig.

Urteil des Arbeitsgerichts Kiel vom 27.06.2022 (Az.: 5 Ca 229 f/22).

Quelle: Pressemitteilung Nr. 4/2022 des Arbeitsgerichts Kiel vom 18.07.2022.

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