Die aktuelle Inflation verhagelt die Wirkung von Tarifabschlüssen in der Halbjahresbilanz: Trotz der nominalen Steigerung um durchschnittlich 2,9 Prozent aller bisherigen Abschlüsse, sinken die Reallöhne um satte 3,6 Prozent. Dieses Ergebnis legt das Tarifarchiv des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung vor.

Die nominale Steigerung in Höhe von 2,9 Prozent setzt sich zusammen aus Tariferhöhungen aus den Jahren 2021 und früher sowie den aktuellen Abschlüssen bis Ende Juni. Die Erhöhungen aus den Tarifverträgen mit mehrjähriger Laufzeit schlagen mit 2,5 Prozent zu Buche. Für das WSI-Tarifarchiv erklärt sich diese relativ geringe Erhöhung mit dem Zeitpunkt, zu dem diese Abschlüsse verhandelt worden sind. Damals seien die Inflationsraten deutlich geringer gewesen.

In den Abschlüssen im ersten Halbjahr von durchschnittlich 4,5 Prozent erkennen die Tarifexperten einen Trend „zu höheren Tarifzuwächsen“. Dennoch bleiben diese Zuwächse hinter der aktuellen Preisentwicklung zurück. Für das laufende Jahr befürchtet Professor Dr. Thorsten Schulten, Leiter des WSI-Tarifarchivs, Reallohnverluste „für viele Beschäftigte im zweiten Jahr in Folge“.

Ausnahmen vom Trend

Auch Positives berichtet das WSI-Tarifarchiv. In einigen Tarifbranchen konnten mit den Abschlüssen nicht nur die steigenden Preise aufgefangen werden, sondern es wurden sogar Reallohnzuwächse beobachtet. Insbesondere in den unteren Entgeltgruppen wurden teils kräftige Steigerungen vereinbart. Über derartige Abschlüsse konnten sich das Hotel- und Gaststättengewerbe, das Gebäudereinigungshandwerk oder Beschäftigte in der Leiharbeit freuen.

Für Professor Dr. Thorsten Schulten reagieren die Branchen mit diesen „außergewöhnlich hohen Entgeltzuwächsen“ auf die zunehmende Knappheit von Arbeitskräften. Auch nutzten sie die Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns auf 12 Euro, um oberhalb „die tarifvertraglichen Entgeltstrukturen neu aufzubauen“. Für ihn erweist sich damit der Mindestlohn „als ein wichtiges Instrument zur Stärkung der Tarifvertragsbeziehungen“.

Die ausführliche Halbjahresbilanz des WSI-Tarifarchivs steht auf der Webseite der Hans-Böckler-Stiftung.

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