Der Mitgliederverlust bei den Gewerkschaften ist gravierend: Die Zahl der organisierten Beschäftigten hat sich in den letzten drei Dekaden allein bei den acht Gewerkschaften des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) halbiert. Ein Ende dieser Erosion ist noch nicht in Sicht. Warum das so ist, hat mehrere Gründe.

Im vergangenen Jahr haben insgesamt 121.000 Männer und Frauen den DGB-Gewerkschaften den Rücken gekehrt. Außer Zweifel steht für DGB-Chef Reiner Hoffmann, dass die Pandemie und als Folge davon das Arbeiten im Homeoffice ihren Teil zu dieser Entwicklung beigetragen haben. Diese Bedingungen machten es den Gewerkschaften schwer, Beschäftigte anzusprechen.

Eine wichtige Kontaktmöglichkeit werde den Gewerkschaften nämlich verwehrt, erläuterte der Gewerkschaftsboss gegenüber dem Nachrichtenfernsehen ntv. Denn zu den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern im Homeoffice dürften sie keinen digitalen Kontakt aufzunehmen.

Das Werben um Mitglieder wurde in den vergangenen zwei Jahren coronabedingt schwieriger. Doch die Mitgliederverluste sind nicht neu, wie die Süddeutsche Zeitung (SZ) analysiert, sie sind vielmehr eine Entwicklung, die vor rund 30 Jahren ihren Anfang genommen hat.

Ursachensuche: Strukturwandel, Demografie, zu männlich?

So hat der Mitgliederschwund einen Grund auch in strukturellen Veränderungen. Der klassische Gewerkschafter ist männlich und Industriearbeiter. Doch genau diese Gruppe wurde und wird kleiner: Die Zahl der Industriearbeiter hat deutlich abgenommen. Hinzu kommt: Mehr Beschäftigte sind in den vergangenen Jahren in Rente gegangen als von unten nachgewachsen sind. Im Jahr 2021 hat es hierzulande erstmals weniger als eine halbe Million Auszubildende gegeben. Eine Gruppe, die sich gerne von einer Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft überzeugen ließ.

Immer mehr junge Erwachsene entscheiden sich jedoch für eine akademische Ausbildung oder für ein Arbeitsverhältnis im Dienstleistungssektor. Dadurch werde das Gewinnen junger Mitglieder für die Gewerkschaften schwieriger, konstatierte DGB-Mann Reiner Hoffmann laut SZ. Diesem Umstand soll mit einer „forcierte Mitgliederwerbung“ Paroli geboten werden. Denn „wir sind nicht geneigt, uns an schlechte Zahlen zu gewöhnen“.

Unbestritten ist, dass Mitglieder und Mitgliederinnen für jede Gewerkschaft wichtig sind. Sie garantieren die Existenz der Organisation: Je mehr Mitglieder, umso größer ist die Verhandlungsmacht. So verweist die SZ auf die Metallindustrie mit ihrem hohen Organisationsgrad: In vielen Bundesländern hat danach die Arbeitswoche für Metaller 35 Stunden und die Jahresgehälter klettern über 45.000 EUR. In der Altenpflege dagegen mit einem minimalen Organisationsgrad sind die Fachkräfte überlastet und die Jahresgehälter sind rund 7.000 EUR niedriger.

Noch-DGB-Vorsitzender Hoffmann, der altersbedingt nicht mehr zur Wiederwahl antritt, hält auch mit Selbstkritik nicht zurück: Die Sprache der Gewerkschaften sei oft zu kompliziert, auch sei es an der Zeit, dass der Auftritt der Arbeitnehmerorganisationen weiblicher und jünger werden müsse. Ein erstes Zeichen zur Veränderung setzt der DGB mit Yasmin Fahimi, die im Mai zur Vorsitzenden gewählt werden soll.

Aktuelle Beiträge

Wissenspool von BetriebsratsPraxis24+
Expertenwissen, Vorlagen & Arbeitshilfen griffbereit für Sie im
Jetzt erkunden »
Jetzt erkunden »
Expertenwissen, Vorlagen & Arbeitshilfen griffbereit für Sie im
Wissenspool von BetriebsratsPraxis24+
BetriebsratsPraxis24 Newsletter
Holen Sie sich noch mehr Input für Ihre Betriebsratsarbeit.
Jetzt anmelden »
Jetzt abonnieren »
BetriebsratsPraxis24 Newsletter