Das Erfassen von Arbeitszeit ist ein Baustein dafür, dass Beruf und Familie vereinbar bleiben und Raum für die notwendige Erholung vorhanden ist. Zu diesem Ergebnis kommt ein WSI-Report, demzufolge die gesetzliche Pflicht zur Arbeitszeiterfassung die Beschäftigten schützt. Die Autorinnen warnen zugleich vor einem Aufweichen der geltenden Regelungen.

Nicht nur Arbeitgeberverbände, sondern auch Politiker verschiedener Couleur spielen – schenkt man den Wahlprogrammen Glauben – mit dem Gedanken, das vorhandene Arbeitszeitgesetz zu lockern, „um mit dem wachsenden internationalen Wettbewerb mithalten und individualisierte Kundenwünsche erfüllen zu können“. Auch in dem gemeinsamen Sondierungspapier der drei möglichen Ampelkoalitionäre heißt es laut Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung, es solle eine Möglichkeit zum Abweichen von den derzeit bestehenden Regelungen geschaffen werden.

In ihrem aktuellen Report „Flexibilisierung der Arbeitszeit“ analysieren die WSI-Expertinnen Dr. Yvonne Lott und Dr. Elke Ahlers die Konsequenzen einer Schwächung von Schutzvorschriften zum Begrenzen der täglichen Arbeitszeit. Die Forscherinnen prognostizieren „zusätzliche Belastungen“ für die Beschäftigten.

Beispielsweise werde durch mehr Überstunden die Work-Life-Balance eher verschlechtert als verbessert und die notwendige Erholung für die Gesundheit werde weiter erschwert. Es werde zunehmend schwieriger, den Abschalt-Knopf von der Arbeit zu finden und zu betätigen.

Schon jetzt habe rund die Hälfte der Erwerbstätigen Schwierigkeiten von der Arbeit zu entspannen. Besonders betroffen seien Beschäftigte, deren Arbeitszeit an Projekte oder Deadlines angepasst werde oder Mitarbeitende in Betrieben mit dünner Personaldecke. Gerade bei diesen Frauen und Männern steige die Gefahr von stressbedingten Erkrankungen oder von einem Burnout.

Forderung nach Umsetzung von EuGH-Urteil zu Zeiterfassung

Statt Abweichungen von den täglichen Erholungszeiten zu begünstigen, wäre es für die WSI-Forscherinnen wichtig, „die vom Europäischen Gerichtshof (EuGH) schon vor gut zwei Jahren eingeforderte betriebliche Arbeitszeiterfassung gesetzlich umzusetzen, insbesondere bei mobiler Arbeit“. Denn die aktuelle Studie zeigt, dass Beschäftigte im Homeoffice „fast doppelt so viele Überstunden“ machen, „wenn die Arbeitszeit nicht aufgezeichnet wird.“

Eine repräsentative Umfrage unter rund 4.500 Beschäftigten wirft ein Schlaglicht auf die geleisteten Überstunden: Vollzeitbeschäftigte kommen bei ausreichendem Personal auf zwei Überstunden pro Woche, bei Personalengpässen sind es wöchentlich 3,5 Überstunden. Enge Deadlines führen bei den Betroffenen ebenfalls zu 3,5 Überstunden in der Woche; auf diese zeitliche Mehrarbeit kommen auch Mitarbeitende in Projekten oder Teams. Denn wer am Erfolg des Projektes gemessen werde, vergesse eben schnell die Uhr, so Yvonne Lott und Elke Ahlers.

Die Wissenschaftlerinnen machen darauf aufmerksam, dass geleistete Überstunden zwar „vordergründig mit freiwilligem Engagement“ zusammenhängen würden, aber tatsächlich weniger in der Begeisterung für die Arbeit gründeten als in der Notwendigkeit, das Arbeitspensum zu schaffen. Der Fachausdruck dafür sei „interessierte Selbstgefährdung“.

Das Fazit der WSI-Expertinnen: Beschäftigte – insbesondere auch die, die mobil arbeiten – könnten durch die Erfassung der Arbeitszeit geschützt werden. Insbesondere dürfe an der täglichen Höchstarbeitszeit und an der Einhaltung von Ruhezeiten nicht gerüttelt werden.

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