Wer Kinder hat oder Angehörige pflegt, wird im Job nicht selten diskriminiert. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Betroffen sind demnach 41 Prozent der Eltern und 27 Prozent der Pflegepersonen.

“Die Zahlen belegen deutlich, was viele Eltern und Pflegepersonen auch unserem Beratungsteam schildern: Wer Fürsorgeverantwortung übernimmt, muss im Job mit Nachteilen rechnen”, sagte der kommissarische Leiter der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Bernhard Franke, zu den Ergebnissen. Arbeitgeber schadeten sich damit “letztlich auch selbst, weil sie Mitarbeitende demotivieren”, so Franke.

Für die Studie hat das Forschungsinstitut Prognos laut einer Mitteilung 2.500 Eltern und 504 Pflegepersonen online befragt und weitere Interviews mit Fachleuten und Fokusgruppen geführt.

Degradierungen und fehlende Unterstützung

Den Angaben zufolge haben während der Schwangerschaft gut “56 Prozent der befragten Eltern mindestens eine diskriminierende Situation erlebt”. 26 Prozent der Mütter und 15 Prozent der Väter hätten etwa erfahren, “dass ihnen Verantwortlichkeiten entzogen, weniger anspruchsvolle Aufgaben zugeteilt oder Aufstiegsmöglichkeiten verhindert bzw. auf Eis gelegt wurden”. 39 Prozent der Mütter berichten zudem von negativen Erlebnissen in den Bereichen Mutterschutz und Gesundheitsschutz.

Weitere Defizite sieht die Antidiskriminierungsstelle beim Umgang mit dem Thema Elternzeit: So gaben 19 Prozent der Väter und 11 Prozent der Mütter an, sie fühlten sich “unter Druck gesetzt, keine Elternzeit zu nehmen oder den Umfang zu reduzieren”. Gut ein Viertel der Frauen und knapp ein Drittel der Männer verwiesen überdies auf negative Reaktionen nach Bekanntgabe einer Elternzeit. Zudem sei oft bemängelt worden, es fehle an Möglichkeiten, die Arbeitszeit flexibel zu gestalten.

Auch bei Pflege droht mitunter Karrierestopp

Unter den befragten Beschäftigten, die Angehörige pflegen, erwähnten der Studie zufolge 48 Prozent mindesten eine diskriminierende Erfahrung am Arbeitsplatz. Die Palette reichte dabei von Ausbleiben von Gehaltserhöhungen, schlechteren Leistungsbewertungen und mangelnder Rücksichtnahme bis hin zur Nicht-Verlängerung oder -Entfristung des Arbeitsvertrags “im Zusammenhang mit Schwangerschaft, Elternzeit oder Kinderbetreuung”.

AGG-Änderung angemahnt

Um Eltern und Pflegepersonen künftig im Berufsleben besser zu schützen, fordert die Antidiskriminierungsstelle u.a. “gesetzliche Verbesserungen”. Konkret sprach sich Franke etwa dafür aus, die Liste der in § 1 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) genannten Tatbestände um ein Verbot der Diskriminierung wegen der “familiären Fürsorgeverantwortung” zu ergänzen. Zuspruch dafür erhält er auch von Wissenschaftlern der Universität Bonn, die in einem Rechtsgutachten konstatierten, “bisher kann eine Diskriminierung in Zusammenhang mit Elternschaft nur teilweise und bei der Pflege fast gar nicht als Diskriminierung nach dem AGG erfasst werden”.

Praxis-Hinweis der Redaktion:

Auch wenn der Betriebsrat beim Thema “Elternzeit”, die ein individualarbeitsrechtlicher Anspruch ist, keine direkten Mitbestimmungsrechte hat, ergeben sich Mitgestaltungmöglichkeiten in folgenden Handlungsfeldern:

  • § 80 Abs. 1 Nr. 2b BetrVG: Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf
  • § 87 Abs. 1 Nr. 1 und 14 BetrVG: Verteilung der Arbeitszeit, Ausgestaltung mobiler Arbeit
  • § 87 Abs. 1 Nr. 3 BetrVG: Überstunden
  • § 92 BetrVG: Personalplanung
  • § 96 BetrVG: (Förderung der) Berufs- und Weiterbildung sowie
  • § 99 BetrVG: (Befristete) Einstellung von Mitarbeitern zur (Eltern-/Pflegezeit-)Vertretung.

Aktuelle Beiträge