Verändert sich das Verhalten, wenn Menschen beobachtet werden und falls ja, sind dann rechtliche Konsequenzen damit verbunden? Das wollten Rechtswissenschaftlerinnen und Rechtswissenschaftler wissen und haben diese Fragen empirisch untersucht. Das Ergebnis vorweg: Das Gros der Menschen fühlt sich durch Beobachtung gehemmt.

Jede Frau und jeder Mann hat hierzulande das Recht, grundsätzlich über seine eigenen persönlichen Daten zu bestimmen Dies gewährleistet das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Ob bereits das Gefühl, überwacht oder beobachtet zu werden, das menschliche Verhalten ändern kann, wollten daher Forschende des Nationalen Forschungszentrums für angewandte Cybersicherheit ATHENE herausfinden.

An der Studie beteiligten sich zwanzig Versuchspersonen, die nacheinander vier verschiedenen Situationen in einem Wartezimmer ausgesetzt waren. Einmal war die Person völlig unbeobachtet, ein anderes Mal lief unübersehbar eine Kamera, ein weiteres Mal war für den Studienteilnehmenden unklar, ob die vorhandene Kamera angeschaltet war oder nicht und in einem nächsten Versuch beobachteten mehrere Menschen den Probanden oder die Probandin.

Das Ergebnis bestätigte die Vermutung der Wissenschaftler, dass Menschen ihr Verhalten unter Beobachtung verändern. Insgesamt 70 Prozent der Teilnehmenden an der Studie veränderten ihr Verhalten. Beispielsweise spielten sie nicht mehr an den Haaren herum oder drehten sich weg von der Kamera, wenn sie die PIN an ihrem Smartphone eingegeben haben. Ob sie tatsächlich beobachtet worden sind oder dies nicht eindeutig war, machte zudem für 65 Prozent keinen Unterschied. Die Forschenden zogen daraus das Fazit, „dass es ‚für die freie Persönlichkeitsentfaltung von Menschen‘ erforderlich sei“, sich unbeobachtet zu fühlen.

Ein weiterer Teil der Studie fokussierte die Fragestellungen bezüglich der Videotelefonie, die während der Corona-Pandemie einen deutlichen Zuwachs erfuhr – sowohl im dienstlichen als auch im privaten Umfeld.

Rechtlicher Handlungsbedarf?

Im Laufe der Pandemiezeit, so berichteten 60 Prozent der Studienteilnehmenden, haben sie sich durch die Übertragung des eigenen Videos weniger gestört gefühlt. Diese Aussage interpretieren die Forschenden als Warnzeichen: Das Beobachtetwerden könnte eine neue Normalität werden und dadurch könnte „ein Verlust des Gefühls für Privatsphäre“ drohen.

Die ATHENE-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erkennen sowohl weiteren Forschungsbedarf als auch insbesondere dann Regelungsbedarf, wenn der Einzelne durch das ständige Beobachtetwerden „damit einhergehende Gefahren überhaupt nicht mehr absehen und einschätzen kann“. Dann müsse „über eine sinnvolle gesetzliche Regulierung und deren Umsetzung und Vollziehung in effektiver Weise nachgedacht werden“. So werde etwa die Verpflichtungen zum „privacy by design“ und „privacy by default“ des Art. 25 Abs. 1 DSGVO vielerorts “noch nicht hinreichend” umgesetzt.

Die komplette Studie „Verhaltensbeeinflussung durch Beobachtung? Eine explorative Nutzerbefragung zu den Auswirkungen verschiedener Beobachtungssituationen“ steht zum Download bereit.

Ein zusammenfassender Artikel mit Schwerpunkt auf Videotelefonie und Homeoffice kann – frei zugänglich – in der Fachzeitschrift DuD • Datenschutz und Datensicherheit gelesen werden.

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