Wer Vorgesetze und Kolleginnen als „fett“, „stinkend“ und „blöde“ bezeichnet, muss mit seiner fristlosen Kündigung rechnen. Das Landesarbeitsgericht (LAG) Thüringen erklärte sie in einem aktuellen Fall aber trotzdem für unwirksam, weil die Klägerin zuvor unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in einem kalten und verschimmelten Kellerraum arbeiten musste (Az.: 4 Sa 212/21).

Die Frau war seit 2003 als Ökonomin in dem Betrieb angestellt. 2016 wurde ihr betriebsbedingt gekündigt, die Kündigung aber vor Gericht 2019 für unwirksam erklärt. Als sie an ihren Arbeitsplatz zurückkehrte, wurde sie zunächst mit Archivierungsarbeiten beschäftigt – in einem elf Grad kalten Keller, in dem Schimmel, Mäuse und deren Hinterlassenschaften waren. Später wurde ihr zwar ein Büro zugewiesen, doch musste sie schwere Akten über den Hof transportieren, um ihrer Arbeit nachgehen zu können.

Im November 2019 telefonierte die Frau während der Arbeitszeit mit einer ehemaligen Arbeitskollegin. Sie hatte den Lautsprecher ihres privaten Handys angestellt, zwei Kolleginnen hörten das Gespräch mit. Einen Tag später erhielt sie die fristlose Kündigung: Sie habe über den Geschäftsführer gesagt, dass der Flur stinke, nachdem er diesen beschritten habe. Zwei Kolleginnen seien als fett beziehungsweise blöde bezeichnet worden, eine andere latsche und pfeife „wie ein Kerl über den Flur“.

Bereits das Arbeitsgericht (ArbG) Nordhausen hat die außerordentliche Kündigung nicht akzeptiert. Die groben Beleidigungen könnten zwar grundsätzlich geeignet sein, einen Grund für eine außerordentliche Kündigung abzugeben. Die Verfehlungen seien allerdings nicht so schwer, als dass sie ohne vorherige Abmahnung in diesem Einzelfall schon für den Ausspruch einer Kündigung taugten.

Besondere Umstände und menschenunwürdige Arbeitsbedingungen

In der Berufung bestätigte das LAG das Urteil und verwies auf die besonderen Umstände. Neben den menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen habe sich die Klägerin unter anderem auch offensichtlich begründete Ansprüche wie Urlaubsentgelt erst erstreiten müssen. Das habe sie als erniedrigend und schikanös empfunden. In einer solchen Situation sei es naheliegend, dass ihr der Blick dafür verstellt ist, welche Bedeutung es hat, wenn sie sich in der behaupteten Art äußert. Aufgrund dieser besonderen Situation stehe nicht mit Sicherheit fest, dass eine Abmahnung nicht eine Änderung ihres Verhaltens bewirkt hätte. Sie hätte daher als milderes Mittel vor der Kündigung erfolgen müssen.

Urteil des LAG Thüringen vom 29.06.2022 (Az.: 4 Sa 212/21).

Vorinstanz: Urteil des ArbG Nordhausen vom 26.03.2021 (Az.: 3 Ca 1153/19).

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