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Hartz IV - "Das Problem ist nicht die Arbeitsmoral"

Die aktuelle, vom FDP-Chef Guido Westerwelle angestoßene Debatte um die vermeintliche Arbeitsunwilligkeit von Hartz-IV-Beziehern geht nach Ansicht von Wirtschaftsforschern an der Wirklichkeit vorbei.

Das renommierte Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat in seinem jüngsten Wochenbericht vom 10. Februar 2010 eine umfangreiche Studie zur Situation von Hartz-IV-Empfängern veröffentlicht. Darin gehen die Forscher auch auf die Frage ein, wie es um die "Arbeitsmoral" der Hilfeempfänger bestellt ist, d.h. um die Bereitschaft, kurzfristig eine Arbeitsgelegenheit zu ergreifen.

Insgesamt, so der DIW-Bericht, beziehen gegenwärtig deutlich über sechs Millionen Menschen in Deutschland Leistungen nach dem SGB II (Hartz IV). "Etwa ein Sechstel der Kinder in Deutschland bekommt Hartz IV," so Karl Brenke, wissenschaftlicher Referent im Vorstand des DIW und Verfasser der Studie, "bei den Ausländern sind es sogar fast 30 Prozent. Bei den Alleinerziehenden ist es fast ein Viertel der Haushalte, die Hartz IV bekommen. Bei den Alleinerziehenden unter 25 Jahren sogar mehr als 80 Prozent".

"Generell", so Brenke, "kann man sagen, dass die Diskussion über die Arbeitswilligkeit von Hartz-IV-Empfängern an der Realität vorbeigeht. Mit etwa 90 Prozent will der allergrößte Teil einen Job haben." Diese Einschätzung fußt auf den differenzierten Ergebnissen der Studie. Die Hartz-IV-Reformen haben die Bereitschaft, eine Stelle anzutreten, um nicht mehr hilfebedürftig zu sein, praktisch nicht verändert: "Folgt man den Angaben der Befragten, dann zeigen sich unter den Arbeitslosen keine nennenswerten Unterschiede vor und nach der Reform bei der Bereitschaft, eine angebotene Beschäftigung anzunehmen (...). Und es gibt auch keine Differenzen in dieser Hinsicht zwischen den Empfängern von Hartz IV und Arbeitslosengeld. Der weit überwiegende Teil der Personen in beiden Gruppen würde ein passendes Arbeitsplatzangebot kurzfristig in Anspruch nehmen."

Eine gewisse "Abstinenz" vom Arbeitsmarkt lasse sich lediglich in der Gruppe der Arbeitslosen ab 56 Jahre ausmachen - eine Gruppe, die sich keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt mehr ausrechnen und daher resigniert haben. "Klammert man die Älteren aus, dann ist unter allen Arbeitslosen der Anteil derjenigen sehr gering, die eine passende Stelle ausschlagen würden. Der schon vor der Reform hohe Anteil war offensichtlich kaum steigerungsfähig."

Dieser Beitrag wurde erstellt von Sylvia Erwin.